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Jahresbericht 2009
Die rasanten Entwicklungen der letzten Jahre in Rumänien, über die ich im letzten Jahresbericht noch schreiben konnte wurden durch die beginnende Finanzkrise abrupt gestoppt. Das Land und vor allem seine Bewohner wurden auf dem falschen Fuss in einem höchst ungünstigen Momente erwischt.
Während im kommunistischen Rumänien die Leute Geld hatten, jedoch nichts dafür kaufen konnten, änderte sich die Situation nach der Revolution für die Mehrheit der Rumänen ins Gegenteil. Immer mehr Waren aus dem Westen kamen ins Land, die Leute hatten aber kein Geld um sich diese Güter zu kaufen. Und vor ein paar Jahren begann die Phase des unbeschränkten Konsums. Kleinkredite und Hypotheken ermöglichten die rasche Erfüllung von Träumen zu günstigen Bedingungen. Wohnungen und Häuser wurden gekauft und der Immobilienmarkt dadurch massiv überbewertet. Aber auch jegliche Art von elektronischen Geräten und Autos konnten plötzlich auf Pump angeschafft werden. Nach dem langen Warten haben viele Rumänen vom Angebot im Übermass profitiert.
Aufgrund der weltweiten Finanzkrise sind die Immobilienpreise in Rumänien sehr rasch gesunken. Heute müssen viele Rumänen Hypotheken zurückzahlen die mehr Wert darstellen als die gekauften Liegenschaften selber. Steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne erlauben die Rückzahlung der Kreditraten kaum noch und dadurch sind viele Rumänen in eine fast ausweglose Schuldenfalle geraten.
Selbst der rumänische Staat steht an der Grenze zum Staatsbankrott und musste bereits bei der EU und der Weltbank für Zusatzkredite in Milliardenhöhe anfragen. Geplante Investitionen wurden zurückgestellt und bereits begonnene Projekte gestoppt. Der Arbeitsmarkt wird durch die vielen aus dem Ausland zurückkehrenden Rumänen zusätzlich belastet da auch in Spanien und Italien weniger Arbeit vorhanden ist und als erste die vielen rumänischen Schwarzarbeiter zurückgeschickt werden.
Leider hat die Krise innerhalb der rumänischen Politik bisher kaum Veränderung hervorgerufen. Nach wie vor beschäftigen sich die Politiker primär um ihre eigenen Interessen und interne Streitereien als um die Probleme der Bevölkerung. Hier hat selbst ein neues Wahlsystem wenig Verbesserung gebracht. Zwar sind einige Politfossile aus dem Parlament verschwunden, der junge dynamische Nachwuchs hat jedoch bisher kaum Wirkung gezeigt.
Die nächsten Jahre werden für Rumänien um einiges schwieriger werden als wir dies erwartet hatten. Das Land war auf die Krise nicht vorbereitet und positive Entwicklungen könnten dadurch gestoppt werden. Wie in jedem Jahresbericht gilt es zu betonen, dass vor allem die arme Bevölkerungsschicht, Alleinerziehende und Behinderte besonders unter der Situation zu leiden haben. Dazu ist die Gefahr gross, dass bei der aktuellen Finanzknappheit in erster Linie die Sozialausgaben gekürzt werden könnten und der Staat versuchen könnte, über zusätzliche Gebühren und Steuern zu mehr Einnahmen zu kommen.
Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf unseren Verein?
Die Soziallandschaft in Rumänien hat sich verändert. Einige grosse Nichtregierungsorganisationen haben den grössten Teil des Finanzkuchens im Sozialbereich aus EU-Fördergeldern und staatlichen Mitteln unter sich aufgeteilt. Hier ist eine Parallele zur Schweiz festzustellen. Der wesentliche Unterschied besteht jedoch darin, dass die Gelder nicht primär aufgrund der Projektqualität verteilt werden sondern, wie vieles in Rumänien auch, aufgrund von bestehenden Verbindungen und Kontakten. Hier haben kleine Organisationen wie CopiiiRo einen schweren Stand.
Dies bedeutet auch, dass es in den nächsten Jahren nicht einfacher werden wird in Rumänien selber zu Fördermitteln für unsere Projekte zu gelangen, wie wir uns das eigentlich vorgestellt hätten.
Die Entwicklung unserer Projekte:
Die Nothilfe / Einzelhilfe:
2008 hatten wir noch einmal eine Zunahme von Anfragen erhalten. Leider ist es uns immer noch nicht gelungen dem staatlichen Kinderschutzdepartement genügend verständlich zu machen, dass wir nicht in erster Linie mit Geld helfen wollen sondern vielmehr mit Beratung, damit bestehende Schwierigkeiten nachhaltig verändert und nicht nur kurzfristig überbrückt werden können. In Rumänien wird soziale Unterstützung leider immer noch mit materieller Nothilfe gleichgesetzt, Beratungsangebote und langfristige Interventionen sind selten. Von den 28 Personen die wir über die Nothilfe abgeklärt haben konnten wir 18 nach einer kurzfristigen Intervention oder durch Vernetzung mit anderen Stellen und Organisationen abschliessen. Bei 10 Personen kam es zu einem längerfristigen Engagement von CopiiiRo im Rahmen der Einzelhilfe.
Der Ausbildungsfonds:
2008 wurden 6 Jugendliche durch Beratung, Übernahme von Schultaxen oder die Beschaffung von Schulmaterialien durch CopiiiRo in ihrer Ausbildung unterstützt. Einer Jugendlichen ermöglichten wir den Besuch von Nachhilfeunterricht und bei einer anderen jungen Frau bezahlten wir die Wohnkosten im Schulinternat. Ziel des Ausbildungsfonds ist immer ein erfolgreicher Ausbildungsabschluss und dadurch eine bessere Zukunftsperspektive. Zwei Jugendliche haben im vergangenen Jahr die Matura erfolgreich bestanden und eine Jugendliche wird, nach erfolgreicher Aufnahme an der Kunstuniversität, auch während ihres Studiums durch uns begleitet. Im 2009 werden zwei Jugendliche ihr Studium abschliessen können. Im Rahmen der regelmässigen Beratungen konnten auch Perspektiven erarbeitet, wie es nach Ausbildungsabschluss weitergehen könnte.
Die Businessfactory:
Unser Pilotprojekt läuft nach wie vor sehr gut und es wurde uns bereits mehr als ¾ des Darlehens zurückbezahlt. Aufgrund der bestehenden Schwierigkeiten geeignete Kandidaten und Projekte für eine weitere Unterstützung im Rahmen der Businessfactory zu finden, haben wir vorläufig auf ein zweites Projekt verzichtet. Sollten sich jedoch, auch im Rahmen unserer anderen Projekte, valable und interessierte Kandidaten zeigen, ist eine Unterstützung von unserer Seite jederzeit möglich.
Casa Cristina:
Wie bereits in der letzten „Speranta“ angekündigt, werden wird unser Projekt Casa Cristina nach 8 Jahren im Oktober 2009 abschliessen. Gegenwärtig sind wir auf der Suche nach geeigneten Anschlusslösungen für die jetzigen Begünstigten. Dies wird nicht ganz einfach sein, obgleich alle Bewohnerinnen arbeiten und einige von ihnen gegenwärtig eine Weiterbildung absolvieren. Wir werden jedoch auch nach ihrem Austritt aus der Casa Cristina für eine gewisse Zeit Beratung und Unterstützung anbieten können, damit ihnen der Schritt in die Selbständigkeit möglichst optimal gelingt.
Die Räumlichkeiten an der Strada Soveja in Bukarest können wir auch in Zukunft nutzen ohne dafür Miete bezahlen zu dürfen. Dies möchten wir auch tun und sind gegenwärtig daran ein neues Projekt zu erarbeiten.
Unser Freiwilligenteam hat 2008 Nachwuchs bekommen. Während wir Diana zur Geburt ihrer Tochter Sofia Gabriela gratulieren konnten ist Stefan Stancu Vater von Tochter Maria geworden. Wie es aussieht werden wir im Freiwilligenteam auch für die Zukunft keine Nachwuchssorgen haben! Ansonsten ist unser Team 2008 recht stabil geblieben. Mioara ist zwar zurückgetreten, hilft jedoch bei Aktionen und Anlässen nach wie vor mit. Dafür durften wir Roxana Hutul und Elena Popescu neu im Freiwilligenteam aufnehmen. Leider wird es jedoch auch in Rumänien immer schwieriger neben Arbeit und Ausbildung genügend Zeit für Freiwilligenarbeit zu finden. So können wir unsere Freiwilligen weniger stark in den einzelnen Betreuungen einsetzen als dies noch vor einigen Jahren möglich war. Dadurch ist die Belastung für unsere Angestellten grösser geworden.
Im vergangenen Jahr organisierte CopiiiRo zum zweiten Mal einen Herbstmarkt. Zusammen mit mehreren anderen Organisationen wurden Flohmarktartikel angeboten und ein kleines Restaurant geführt. Auch die Teilnahme am Weihnachtsmarkt in den „Ateliere Protejate“ (Geschützte Werkstätten) gehörte zu den Jahrshöhepunkten 2008. Das rumänische Fernsehen hat über die beiden Anlässe berichtet. Zum Tag des Kindes vom 1. Juni durften sich 40 Kinder an einem von CopiiiRo organisierten Spielnachmittag in den Räumlichkeiten des Museums „de Arte Veche Apuseana“ vergnügen.
2008 konnten wir Zusammenarbeitsvereinbarungen mit der Stiftung der Prinzessin Margareta, dem Sektor 6 von Bukarest und mit der orthodoxen Kirche abzuschliessen. Dies ermöglicht uns Angebote dieser Organisationen zu nutzen und uns mit auszutauschen. So konnten bereits mehrere Begünstigte vermittelt und Finanzierungen über diese Organisationen ermöglicht werden. Für unsere Einzel- und Nothilfe wurde ein Finanzierungsprojekt bei der Organisation „ERSTE“ eingegeben, ob unser Projekt angenommen wird erfahren wir leider erst im Juni 2009.
Aktivitäten in der Schweiz
2008 traf sich der Vorstand zu sechs regulären Sitzungen und einer Retraite. Dabei haben wir, aufgrund von Rückmeldungen unseres Teams in Rumänien, die laufenden Projekte ausgewertet und Anpassungen vorgenommen. Eine solche Anpassung war auch der Entscheid, das Projekt Casa Cristina auf Ende 2009 abzuschliessen und uns vermehrt auf den Bereich Ausbildung zu setzen. Die gemeinsame Sitzung mit unserem rumänischen Team fand am 6.9.2009 in der Casa Cristina in Bukarest statt. An der Sitzung waren 9 unserer 11 Teammitglieder anwesend und wir haben gemeinsam die Resultate und Konsequenzen der Evaluation und die Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Team angeschaut und Abmachungen getroffen. Beim anschliessenden traditionellen Nachtessen blieb genügend Zeit für den wichtigen persönlichen, kulturellen und informellen Austausch.
Unsere Mitgliederreise führte uns 2008 ins Donaudelta. Zuerst durften sich die Reiseteilnehmer am Schwarzen Meer noch etwas von den Reisestrapazen erholen und in Murfatlar die feinen Weine des grössten Weinbaugebietes Rumäniens geniessen, bevor uns das Hausboot „Anastasia“ für 3 Tage ins wunderschöne Donaudelta entführte. Das Treffen mit unserem Team und den Begünstigen unserer Projekte im Hof der Casa Cristina und individuelle Ausflüge durch Bukarest rundeten das diesjährige Programm ab.
Unsere Vereinszeitschrift erschien 2008 in zwei Ausgaben und informierte unsere Mitglieder und Gönner über unsere Tätigkeit in Rumänien und unsere Aktionen in der Schweiz. Wir versuchen auch während des Jahres über aktuelle Trends nicht nur im Verein sondern auch in Rumänien zu berichten und so eine Verbindung zwischen unseren Mitgliedern und dem Land in dem wir tätig sind herzustellen. Gegenwärtig sind 155 Einzelpersonen oder Familien Mitglied bei CopiiiRo und 58 Personen oder Organisationen erhalten unsere Zeitschrift als Gönner. Am Weihnachtsgüeziverkauf vom 13. Dezember 2008 hatten wir auch wieder viele Standbesucher, auch wenn der Verkauf selber etwas weniger erfolgreich verlief als in den Vorjahren.
Im Jahre 2008 hat CopiiiRo in Rumänien im Rahmen der Not- und Einzelhilfe 39 Kinder und Jugendliche samt ihren Familien unterstützt. 6 Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen durften für ihre Berufsbildung vom Ausbildungsfonds profitieren und 4 junge Frauen erhielten im Projekt Casa Cristina Unterstützung auf ihrem Weg in die Selbständigkeit.
Die Fr. 61’537. — direkte Projektkosten machen etwas mehr als 76 % unserer Gesamtausgaben für 2008 aus. Das erwartete Defizit wurde mit Fr. 20'432.-- etwas kleiner als die budgetierten Fr. 27'000.--. Negativ wirkten sich die schwache rumänische Währung RON mit einem Kursverlust von Fr. 4'801. — und die Abschreibungen von Fr. 3'996. —auf das Resultat aus und erhöhten die Administrationskosten.
Ausblick 2009
Wir wollen uns in Zukunft vermehrt bei der Ausbildungsförderung einsetzen. Deshalb sind wir gegenwärtig an der Planung eines neuen Projektes in den Räumlichkeiten der jetzigen Casa Cristina an der Strada Soveja in Bukarest. Jungen Menschen aus benachteiligten Familien eine gute Ausbildung zu ermöglichen ist eine wirkungsvolle und nachhaltige Methode ihnen einen Weg aus Armut und Abhängigkeit zu eröffnen. Das Haus soll zukünftige auch Zentrum von CopiiiRo in Rumänien sein wo die Beratungen stattfinden und auch unsere Administration untergebracht ist. Dadurch hoffen wir effizienter und kostengünstiger arbeiten zu können.
Trotz Jubiläum wird 2009 ein eher ruhigeres Vereinsjahr werden. Wir haben beschlossen erstmals keine Mitgliederreise durchführen sondern als Vorstand mit dem Team zusammen in Rumänien das Jubiläum zu feiern. Auch der Weihnachtsgüeziverkauf wird 2009 nicht stattfinden. Dafür werden wir am Spiegelbazar teilnehmen und dort unsere Artikel verkaufen können. Die Verantwortlichen vom Bazar haben unseren Verein als eine der begünstigten Organisationen für 2009 ausgewählt. Dies ist für uns ein Zeichen des Vertrauens und eine zusätzliche Motivation uns auch weiterhin für benachteiligte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Rumänien einzusetzen.
JUBILÄUM 10 JAHRE VEREIN COPIIIRO
Der Verein CopiiiRo wurde am 4.6.1999 in Schliern gegründet! In den vergangenen 10 Jahren hat sich in Rumänien viel verändert und entwickelt. Geblieben ist jedoch immer noch die Armut in vielen Bevölkerungsteilen und die reduzierten Chancen von Kindern und Jugendlichen aus diesen Kreisen auf Bildung, Gesundheit und Entwicklung! Deshalb haben sich unsere Vereinziele nicht verändert, unsere Angebote haben wir jedoch laufend den veränderten Bedingungen anzupassen versucht und immer wieder neue Projekte wie die Casa Cristina, den Ausbildungsfonds oder die Businessfactory gestartet.
Auch im unserem Team hat sich in dieser Zeit einiges verändert. Während den ersten fünf Jahren bestand unser Team in Rumänien nur aus Freiwilligen und die Aktivitäten konnten ohne grossen administrativen Aufwand durchgeführt werden. Nach einer fast fünfjährigen Odyssee durch die rumänische Administration wurden wir im Oktober 2004 offiziell durch den rumänischen Staat anerkannt. Die Anerkennung brachte uns im Rückblick leider weniger Vor- als Nachteile. Der administrative Aufwand ist wesentlich grösser geworden und auf eine reale Unterstützung durch den rumänischen Staat warten wir noch heute.
Die Zeit war aber auch geprägt von vielen gemeinsamen Erlebnissen für Vorstand und Team, von Erfolgen und Misserfolgen in der Unterstützung der Begünstigten aber vor allem von einem regen Austausch von Erfahrungen zwischen der Schweiz und Rumänien. Auch viele Vereinsmitglieder hatten die Gelegenheit an einer unserer 8 Reisen Rumänien zu entdecken und unsere Projekte und unser Team in Bukarest persönlich kennen zu lernen.
In einem Bildband wollen wir diese zehn Jahre zusammen fassen und in Bild und Text den Weg unseres Vereins vom 4.6.1999 bis heute nachzeichnen. Das Buch kann bereits heute bestellt werden und sollte spätestens im August 2009 zugestellt werden können. Weitere Informationen finden Sie in dieser Speranta-Ausgabe.
Ob wir auch unser 15-jähriges Bestehen als Verein werden feiern können hängt wesentlich von den Entwicklungen in Rumänien aber auch von der Unterstützung unserer Mitglieder und Gönner ab. Es ist nicht unser Ziel so lange wie möglich sondern so lange wie nötig in Rumänien zu helfen. Es wäre schön, wenn unsere Unterstützung in absehbarer Zeit nicht mehr notwendig wäre und wir aus diesem Grunde CopiiiRo auflösen könnten.
Aufgrund der gegenwärtigen Krise ist die Notwendigkeit für unser Engagement noch angestiegen und ich danke Ihnen als Mitglied oder Gönner von CopiiiRo ganz herzlich für die Unterstützung und Ihre Solidarität für die benachteiligen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Rumänien.
Stephan Büchi
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